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Festakt anläßlich der Verleihung des Titels
"Bibliothek des Jahres 2001" am 5.12.2001
Grußwort von Dr. Alfred Rauhaus, Theol. Rat der Evangelisch-reformierten
Kirche
Sehr geehrte Damen und Herren,
als Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Johannes a Lasco Bibliothek
möchte ich meine große Freude über die Verleihung
des Deutschen Bibliothekspreises 2001 an diese Einrichtung zum Ausdruck
bringen. Sie ist mir ein Zeichen dafür, dass die Arbeit dieser
Bibliothek in der Öffentlichkeit wahrgenommen und anerkannt
wird. Sie arbeitet heute als eigenständige Stiftung, die seinerzeit
von meiner Kirche, der Evangelisch-reformierten Kirche in Bayern
und Nordwestdeutschland, zusammen mit anderen Partnern ins Leben
gerufen worden ist. Diese Bibliothek hat eine lange Geschichte,
die nachzuerzählen hier nicht der Ort ist. Sie hat sich immer
im Miteinander von kirchlichen und bürgerlichen, allgemein-gesellschaftlichen
Lebensvollzügen bewegt.
Unter den großen Religionen der Menschheit rechnet man das
Christentum, zusammen mit dem Judentum und dem Islam, zu den sogenannten
"Buchreligionen". Die Existenz dieser Bibliothek ist ein
kleines Anzeichen dafür, dass diese Einschätzung nicht
ganz falsch ist. Es ist aber auch nur im wohlverstandenen Sinne
richtig. Während der Islam sich auf den Koran gründet,
der nach islamischer Tradition dem Propheten Mohammed durch den
Engel Gabriel eingegeben wurde, ist das Christentum von seinem Ursprung
her nicht auf ein Buch gegründet, sondern auf eine Person,
auf die Person des Christus. Die Christusbotschaft ist nicht Buch,
sondern mündliches Wort. Wenn ein frühchristlicher Autor
die Christen seiner Tage ermahnen wollte, ihr Leben in Übereinstimmung
mit der Christusbotschaft zu führen, so kleidete er das in
die charakteristischen Worte: "Seid Täter des Wortes,
nicht Hörer allein". Er sagte eben nicht: "Seid Täter
des Wortes, nicht Leser allein".
Dennoch wissen wir alle, dass das Christentum nicht bald nach seiner
Entstehung zur Schrift geworden ist, zur Heiligen Schrift, dem Neuen
Testament, das zusammen mit dem heiligen Buch Israels, von den Christen
das Alte Testament genannt, die christliche Bibel bildet.
Dennoch ist diese Bibliothek mehr als nur eine Ansammlung von verschiedenen
Bibelausgaben. Das Christentum hat von seinen Anfängen her
eine Theologie hervorgebracht, die denkende Auseinandersetzung mit
dem eigenen Glauben und seine sprachliche Vermittlung mit dem, was
Menschen überhaupt denken oder meinen. Wie die Schriften der
großen Philosophen, so bildeten auch bald die Schriften der
großen Theologen eine eindrucksvolle Sammlung von Büchern,
eben eine Bibliothek. Eine Bibliothek ist die sichtbar gewordene
Gestalt dessen, dass der christliche Glaube sich auf das Denken
der Menschen einlässt, in den menschlichen Geist eingegangen
ist und sich stets in Anknüpfung und Widerspruch zu ihm bewegt
und ausgesprochen hat. Das umfasst beinahe alle Lebensbereiche.
So finden wir auch in der Johannes a Lasco Bibliothek nicht nur
Schriften religiösen Inhalts, sondern die ganze Breite des
menschlichen Wissens und Denkens versammelt. Der Glaube geht mit
der Vernunft; nur der Unglaube geht mit der Barbarei.
Eine Bibliothek ist eine Sammlung von Büchern und Schriften.
In der heutigen Lebenswelt besteht allerdings jederzeit die Gefahr,
dass eine solche Sammlung musealen Charakter annimmt. Die modernen
Kommunikationsmittel ermöglichen die Trennung von Schrift und
Buch. Da mag es dem einen oder anderen beinahe antiquiert erscheinen,
ein Buch in die Hand zu nehmen, statt sich die benötigten Texte
auf den Bildschirm aufzurufen oder, wie man sagt, aus dem Internet
"herunterzuladen". Anders gesagt: nicht die Schriftlichkeit
als Kommunikationsmethode steht in unserer heutigen Gesellschaft
in Frage, sondern, wenn ich so sagen darf, die "Buchlichkeit"
schriftlicher Kommunikation. Wozu braucht es Bücher und Bibliotheken,
wenn es doch das Internet gibt?
Es gibt darauf eine einleuchtende Antwort, auch wenn nicht jeder
geneigt sein mag, sie nachzuvollziehen. Ein Buch hat nicht nur einen
intellektuellen Inhalt, einen Informationsgehalt; es hat auch eine
Gestalt. In der Verknüpfung von Inhalt und äußerer
Gestalt manifestiert sich die Verbindung des Geistes mit dem Schönen.
Von der Wahl des Papiers und des Druckbildes an über die handwerkliche
Gestaltung des Buches als Ganzes und seines Einbandes tritt uns
im Buch ein Phänomen entgegen, das weit über seinen intellektuellen
Gehalt hinaus greift und das Medium des Buches nicht nur dem Denken,
sondern auch dem Sehen und Greifen, dem Auge und der Hand darbietet.
Ein Buch dient nicht nur dazu, geistige Inhalte zu kommunizieren.
Wie weit die Kultur des Buches in der Bibliothek in einer Gesellschaft
ihren Ort findet und gepflegt wird, ist darum ein Indikator dafür,
wie weit eine Gesellschaft sich allein auf Funktionalität beschränkt
oder aber die darüber hinaus führenden Dimensionen des
Schönen in ihren Lebensvollzug aufzunehmen bereit und in der
Lage ist. Das gilt nicht nur vom Buch, sondern auch von der Kunst
des Bauens und anderem mehr. Hier aber begegnet uns jedenfalls in
Gestalt einer Bibliothek wie dieser wieder die ursprüngliche
Verbindung von Christentum und allgemein geistiger, kultureller
Verfasstheit einer Gesellschaft. Es ist ja nicht allein eine Sache
der Kirche, sondern aller gesellschaftlich und kulturell tätigen
Kräfte, die Verbindung des Geistes mit dem Schönen lebendig
zu halten und die Reduktion auf die reine Funktionalität zu
widerstehen. Es ist eine gemeinsame Aufgabe aller kulturell oder
künstlerisch wirkenden Kräfte in unserer Gesellschaft.
Diese Bibliothek ist von ihrer Entstehung her eine kirchliche Stiftung.
Sie ist aber durchaus nicht einseitig ein Forum, auf welchem die
Kirche in die Gesellschaft hineinwirkt. Vielmehr ist sie eher die
Plattform, auf der ein wechselseitiger Austausch zwischen Kirche
und Gesellschaft stattfinden kann, durchaus auch in der Richtung,
dass die gesellschaftlichen Kräfte in die Kirche hineinsprechen.
Beide haben einander genug zu sagen, um das Gespräch miteinander
zu suchen. Die gesellschaftlichen Angelegenheiten insbesondere in
ethischen Problembereichen und bei der Ausbildung gemeinsamer Werte
und Normen sind wichtig genug, um alle gesellschaftlichen Gruppen
am Diskurs zu beteiligen, auch die Kirchen. Andererseits ist die
Religion, allgemein gesprochen, zu wichtig, als dass eine Gesellschaft
diesen Lebensbereich sich selbst überlassen dürfte. Religiöse
Untersysteme neigen leicht dazu, sich in sich selbst zu verschließen.
eine Sonderwelt oder Nebenwelt auszubilden und im Extremfall fundamentalistische
Züge anzunehmen. Wo das geschieht, kann es für die Gesellschaft
insgesamt Folgen haben, die sich keiner wünschen wird. Darum
ist es wichtig, Foren des gemeinsamen Gesprächs zu haben, wo
von der Kirche zu den gesellschaftlichen Gruppen und genau so von
den gesellschaftlichen Gruppierungen in den Raum der organisierten
Religion, der Kirchen, hineingesprochen werden kann und wird. Diese
Bibliothek kann und will ein solches Forum sein.
Die Verleihung des Deutschen Bibliothekspreises an die Johannes
a Lasco Bibliothek ist mir ein Zeichen dafür, dass diese gemeinsame
Aufgabe nach wie vor bewusst ist und von allen gesellschaftlichen
Kräften getragen werden kann und soll. In diesem Sinne kann
und will auch die Johannes a Lasco Bibliothek ihren Beitrag leisten
nicht nur zu dem speziellen Bereich kirchlichen Lebens, sondern
zur Gestaltung des uns allen vorgegebenen Lebensraums der Gesellschaft
überhaupt.
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