Festakt anläßlich der Verleihung des Titels
"Bibliothek des Jahres 2001" am 5.12.2001
Laudatio von Dr. Uwe Reinhardt, Staatssekretär des Niedersächsischen
Ministeriums für Wissenschaft und Kultur
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor noch nicht allzu langer Zeit, genau gesagt war es am 22.11.1995,
hat der damalige
niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder
an meiner Stelle gestanden und die Johannes a Lasco Bibliothek als
wissenschaftliche Bibliothek und Forschungsstätte für
den internationalen reformierten Protestantismus eröffnet.
Seine Rede beendete der heutige Bundeskanzler mit folgenden Wünschen
an die Johannes a Lasco Bibliothek:
"Ich begrüße es, dass an der Großen Kirche
Emden ... die Chance genutzt wird.... die Bibliothek zu einem Ort
zu machen, von dem - basierend auf einer 400jährigen Tradition
- geistige Impulse ausgehen können. Das Engagement der Reformierten
Kirche für die Errichtung dieser außeruniversitären
Studienstätte ist hoch einzuschätzen. Es war für
die Niedersächsische Landesregierung Anlass genug, gemeinsam
mit der Evangelisch-reformierten Kirche, der Stiftung Niedersachsen
und der Stadt Emden die Gesamtsumme von nahezu 16 Mio DM für
das Bauwerk aufzubringen (...) Ich bin Sicher, dass (...) die Reformierte
Kirche ihrerseits für eine angemessene Personalausstattung
Sorge trägt, um die Einrichtung zu einer lebendigen Stätte
kulturellen Wirkens werden zu lassen. In ihr sind alle Voraussetzungen
gegeben, um aus bewährter Tradition heraus dazu beizutragen,
über Landesgrenzen hinweg den Geist unserer Zeit mitzugestalten.
In diesem Sinne wünsche ich der Bibliothek und Studienstätte
in der großen Kirche Emden eine glückliche Zukunft."
Ob er damals geahnt hat, in welch kurzer Zeit die Johannes a Lasco
ihre doch hochgesteckten Ziele erreicht? Ich glaube es nicht, denn
jeder fragt sich doch, wie es möglich ist, dass diese Bibliothek
heute, also nur 6 Jahre später, vom Deutschen Bibliotheksverband
und der Zeit-Stiftung als "Bibliothek des Jahres 2001"
für vorbildliche und innovative Bibliotheksarbeit ausgezeichnet
wird.
Wie ist es gelungen, dass innerhalb kürzester Zeit aus einer
zwar bedeutenden, aber bis dahin nur in kleinen Fachkreisen bekannten
historischen Büchersammlung eine moderne wissenschaftliche
Bibliothek und Forschungsstätte für den reformierten Protestantismus
wurde, die fest in der regionalen Öffentlichkeit verankert
ist und weit darüber hinaus bekannt ist?
Etwa Zauberei á la David Copperfield oder "Harry Potter"?
Auch wenn sich die Titelfigur des zur Zeit auflagenstärksten
Buches in diesem alten Gemäuer sicher zu Hause fühlen
würde und zur Zeit ja allerorten im Gespräch ist, hat
er damit nun rein gar nichts zu tun.
Vielmehr zeigt uns die Johannes a Lasco Bibliothek, dass die Prinzipien,
die schon den Namensgeber dieser Einrichtung auszeichneten, nämlich
Eigenverantwortung, Selbstorganisation und Erneuerung der Kirche
in der Gesellschaft, immer noch und gerade heute Bedeutung haben.
Und das ein auf den ersten Blick eher ungewöhnliches Konzept,
das auf drei Handlungsfeldern und einer diese tragenden Organisationsstruktur
basiert, die Grundlage dieser außergewöhnlich erfolgreichen
Entwicklung sind.
Lassen Sie mich daher den Werdegang dieser Bibliothek kurz rekapitulieren
und die Entwicklungsschritte der Bibliothek, die auch zu der heutigen
Auszeichnung führen, noch einmal erinnern:
Die Große Kirche war im 16. Jahrhundert Mutterkirche des
reformierten Protestantismus in ganz Nordwesteuropa. Ab 1570 beherbergte
sie eine wertvolle Bibliothek, die eng mit dem Namen des damaligen
Superintendenten Johannes a Lasco verbunden ist. Die 1559 begründete
Bibliothek ist mit Abstand die älteste und bedeutendste Bibliothek
Ostfrieslands. Seit jeher war sie, und das ist eine Besonderheit,
eine Büchersammlung von Bürgern für Bürger,
denn sie geht nicht auf herrschaftliche oder Adelsbibliotheken zurück.
Im Dezember 1943 wurde die Große Kirche bei einem Luftangriff
zerstört. Die Bibliothek war glücklicherweise rechtzeitig
ausgelagert und damit gerettet worden, konnte jedoch in den nun
folgenden Jahren nur notdürftig untergebracht und betreut werden.
Bis 1991 wurde die historische Büchersammlung der reformierten
Gemeinde Emden allein nebenamtlich verwaltet, 1988 standen 10.000
DM Erwerbungsmittel zur Verfügung. Die Bibliothek fristete
eher ein Schattendasein und war selbst in der Region relativ unbekannt.
Erst mit dem Wiederaufbau der Ruine der ehemaligen Großen
Kirche zu Emden, der 1995 abgeschlossen wurde, wurde die Johannes
a Lasco Bibliothek zu einer wissenschaftlichen Bibliothek und Forschungsstätte
für den internationalen reformierten Protestantismus ausgebaut.
Die Konzeption der neuen Bibliothek basiert auf den Funktionsbereichen
wissenschaftliche Bibliothek, wissenschaftliche Studienstätte
und öffentliches Forum. Während des Wiederaufbaus, im
Dezember 1993, wurde die Bibliothek als kirchliche rechtsfähige
Stiftung des bürgerlichen Rechts völlig verselbständigt
und in Johannes a Lasco Bibliothek Große Kirche Emden umbenannt.
Begleitet von einem Kuratorium und einem internationalen wissenschaftlichen
Beirat hat die Johannes a Lasco Bibliothek die mit dem Wiederaufbau
der Großen Kirche angelegte Konzeption ausgebaut und vorangetrieben.
Damit dürfte die Johannes a Lasco Bibliothek die erste rechtlich
völlig verselbständigte und sich selbst tragende Bibliothekseinrichtung
Deutschlands sein. Die Bibliothek verfügt mittlerweile über
ein Stiftungskapital von ca. 17 Mio DM. Statt einer nebenamtlichen
Betreuung wurden 14 Arbeitsplätze geschaffen und jählich
werden ca. 250.000 DM in die Erwerbung investiert.
Jedoch nützen die besten baulichen, finanziellen und organisatorischen
Rahmenbedingungen nichts, wenn nicht handelnde Personen sie mit
Leben füllen.
Deshalb gilt meine Laudatio vor allem den hier nach den Maximen
a Lascos handelnden Personen, die diese Einrichtung konzipiert,
realisiert und mit Leben erfüllt haben:
Sie Herr Pastor Schulz und Sie, Frau Röder, und natürlich
Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ganz maßgeblich
zum Ausbau der Johannes a Lasco Bibliothek zu einer innovativen
Forschungsbibliothek für den reformierten Protestantismus,
die zugleich als Regionalbibliothek für Emden und Ostfriesland
fungiert, beigetragen. Ihr Konzept zeigt, wie sich die verschiedenen
Handlungsfelder ihrer Bibliothek gegenseitig befruchten und das
Gesamtwerk stärken. Sie führen vor das Internationalität
und Kooperation keine hohlen Phrasen sind, sondern immer selbstverständlicher
Bestandteil der Johannes a Lasco Bibliothek waren und zu erfreulich
lebendigem Wirken führen.
Das Land Niedersachsen kann nicht ohne Stolz behaupten, das Innovationspotential
das in diesem ungewöhnlichen Konzept steckt frühzeitig
erkannt und gefördert zu haben. So hat das Land Niedersachsen
zum Wiederaufbau der Großen Kirche Emden rund 2,6 Mio DM beitragen
können.
Auch an weiteren innovativen Projekten, wie der deutsch-/niederländischen
Partnerschaft zur Katalogkonversion nach PICA und dem Aufbau eines
EDV-gestützten Bibliotheks- und Datenverbundsystems hat sich
das Land mit insgesamt 500.000 DM beteiligt. Damit war die Johannes
a Lasco Bibliothek eine der ersten deutschen PICA-Anwender und hatte
früh die Grundlagen für den weltweit zugänglichen
Nachweis ihrer historischen Bestände im Verbundkatalog des
Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (GBV) geschaffen und damit eine
wertvolle Bereicherung für Forschung und Studium sowie die
interessierte Öffentlichkeit.
Erst jüngst ist in Zusammenarbeit mit der Stiftung Niedersachsen
und Ihnen der weitere Ausbau der Johannes a Lasco Bibliothek als
wissenschaftliche Studienstätte auf den Weg gebracht worden
und wird durch das Land Niedersachsen voraussichtlich mit insgesamt
500.000 DM unterstützt werden.
Mit Ideenreichtum und Engagement haben Sie es verstanden, die notwendigen
Mittel für den Ausbau der Johannes a Lasco Bibliothek zu gewinnen
und mit innovativen Projekten eine permanente Weiterentwicklung
zu ermöglichen.
Dabei haben Sie schon frühzeitig eine europäische Ausrichtung
Ihrer Bibliothek angestrebt und bauen diese mittlerweile international
aus.
Moderne Bibliothekstechnologie und Traditionspflege haben Sie nie
als Widerspruch gesehen, sondern als selbstverständliche und
fruchtbare Symbiose. Das zeigen folgende Beispiele:
Schon seit 1996 erhalten Sie nicht unerhebliche Förderung
der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Spezialbibliothek überregionaler
Bedeutung und seit 1999 beteiligen Sie sich an der "Verteilten
Digitalen Forschungsbibliothek", die ebenfalls von der DFG
gefördert wird. Darüber stellen Sie die wertvolle Sammlung
des niederländischen Theologen Albert Hardenberg sukzessive
komplett via Internet der weltweiten Forschung zur Verfügung.
Mit ihrem Fachportal "reformiert online" bieten Sie ein
umfassendes Online-Informationssystem und eine Kommunikationsplattform
zum reformierten Protestantismus weltweit an, dessen inhaltliche
und ästhetische Qualität nur als vorbildlich bezeichnet
werden kann.
Nicht vergessen werden darf das dritte Handlungsfeld: die Johannes
a Lasco Bibliothek als öffentliches Forum: Die Johannes a Lasco
Bibliothek hat sich in den letzten Jahren einen Namen als "außergewöhnlicher
Ort für besondere Veranstaltungen" gemacht. Sie haben
es verstanden, Ihr Haus für kulturelle, politische und wissenschaftliche
Veranstaltungen herausragender Art zu öffnen und damit die
Johannes a Lasco Bibliothek als Ort und Institution auch über
Ihre fachliche Klientel und die Grenzen der Region hinaus bekannt
zu machen. so hat erst vor wenigen Tagen der Eröffnungsgottesdienst
für die 43. Aktion "Brot für die Welt" der Evangelischen
Kirche Deutschland im Beisein des Bundespräsidenten hier stattgefunden.
Durch die konsequente Öffnung der Bibliothek kommunizieren
Sie ihre Themen in Gesellschaft und Öffentlichkeit hinein und
entsprechen dem, was jüngst der Wissenschaftsrat und andere
führende Wissenschaftsorganisationen formuliert haben als die
Initiative PUSH - Public Understanding of Sciences and Humanities.
Sehr geehrte Frau Roeder, sehr geehrter Herr Pastor Schulz, ich
wünsche der Johannes a Lasco Bibliothek, dass Sie weiterhin
auf Ihren Unternehmungsgeist und Ihre Innovationsfreude sowie auf
Ihr engagiertes Team bauen kann. Durch Sie leben die Prinzipien
ihres Namensgebers Johannes a Lasco - Eigenverantwortung, Selbstorganisation
und Erneuerung der Kirche in der Gesellschaft - weiter. Das sie
auch heute noch honoriert werden und Bedeutung haben, zeigt die
Auszeichnung als Bibliothek des Jahres 2001 auf sehr schöne
Weise.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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