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    Bibliothek des Jahres 2001  
   

Festakt anläßlich der Verleihung des Titels
"Bibliothek des Jahres 2001" am 5.12.2001

Rede zur Preisverleihung von Dr. Friedrich Geißelmann, Vorsitzender des DBV

Herr Staatssekretär, Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

es freut mich, dass meine erste öffentliche Aufgabe als Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbands die Überreichung des Preises "Bibliothek des Jahres 2001" an die Johannes a Lasco Bibliothek Große Kirche Emden ist. Diese Aufgabe trifft mich allerdings nicht unvorbereitet, da ich die Freude hatte, an der Sitzung der Jury für den diesjährigen Preis als Gast teilzunehmen. Ich habe diese Entscheidung insoweit auch mitgetragen.

Ich möchte einige Worte zu den Zielen sagen, die der DBV mit diesem Preis verbindet. Sie lassen sich unter zwei Gesichtspunkten zusammenfassen: Zum einen sollen die Leistungen der Bibliotheken insgesamt in der Öffentlichkeit dargestellt werden, indem eine besonders herausragende Institution gewürdigt wird. Zum anderen soll der Preis den Wettbewerb um die Qualität der Arbeit der Bibliotheken befördern.

Wir sind der Meinung, dass der Preis ein sehr wichtiges Instrument für die Bibliotheken ist und wir denken nach, wie wir ihn noch stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern können.

Der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius möchte ich auch an dieser Stelle herzlich danken, dass sie sich hier so großzügig engagiert und auch in Zukunft engagieren wird.

Wenn man sich die Leistungen der Bibliotheken insgesamt vergegenwärtigt, so bietet sich zunächst die Zählung der Benutzer an. In der Presse kann man immer wieder den Vergleich lesen, dass mehr Personen Museen besuchen als die Fußballstadien. Fragt man sich, wo hier die Bibliotheken stehen, so muss man leider feststellen, dass wir keine Gesamtzahlen der Nutzer von Bibliotheken erheben. Daher einige Teilzahlen: Im Land Berlin hatten 1998 alle Berliner Bühnen zusammen 3,1 Mio. Besucher, die Museen 7,6 Mio. Besucher und ca. 20 Mio. besuchten die Bibliotheken. Dies zeigt, dass die Bibliotheken zweifellos eine der wichtigsten Bildungs- und Kultureinrichtungen sind. Interessant ist, dass dies in der Öffentlichkeit nicht so stark wahrgenommen wird. Die Bibliotheken sind offensichtlich vielfach ein zu selbstverständlicher Bestandteil des Alltagslebens und sie stellen teilweise ihr Licht unter den Scheffel.

Wenn man sich die Leistungen der Bibliotheken im einzelnen betrachtet, stellt man fest, dass die Breite ihrer Aufgaben, der Bibliothekskonzepte, erstaunlich groß ist. Dies macht die Arbeit der Jury, Bibliotheken ganz unterschiedlicher Struktur zu vergleichen, nicht einfach.

Ich möchte dies an Beispielen zeigen: Im letzten Jahr wurde die Heinrich-Heine-Bibliothek in Halberstadt als Bibliothek des Jahres ausgewählt, die Öffentliche Bibliothek einer Mittelstadt. Hier stand die erfolgreiche Bildungsarbeit für ein breites Publikum aller Altersschichten im Vordergrund sowie die Leistung der Bibliothek als kulturelles Zentrum der Stadt.

In diesem Jahr war der stärkste Mitbewerber Emdens die Universitätsbibliothek Konstanz, ein ganz anderer Bibliothekstyp, die sich dadurch auszeichnet, dass sie ihre Aufgabe der Versorgung der Hochschule mit wissenschaftlicher Information besonders kundenfreundlich erfüllt. Für die wissenschaftlichen Bibliotheken, speziell die Hochschulbibliotheken steht heute nicht der Begriff der Bildung im Mittelpunkt oder der des Bestandes wie bei der hiesigen Bibliothek, sondern der der Information, also ein Abstraktum, keim Konkretum. Der Ton liegt dabei auf der aktuellen Information. Daraus ergeben sich deutliche Auswirkungen auf die Struktur der Bibliothek. Konsequenz ist, dass an solchen Bibliotheken darüber diskutiert wird, ob der Bestand überhaupt nötig ist, ob nicht der Zugang zur Information ausreicht (in der Fachsprache: access vs. ownership). Noch weiter geht die Entwicklung im Bereich der digitalen Information. Hier wird auf reale Bestände ganz verzichtet und die Bibliothek kauft nur noch (zeitlich begrenzte) Zugriffsrechte und vermittelt den Zugang. Auch in diesem Fall hat jedoch eine lokale Bibliothek eine wichtige Funktion.

Von diesem Bibliothekskonzept unterscheidet sich die Johannes a Lasco Bibliothek sehr deutlich - trotz ihrer Digitalisierungsprojekte. Diese Bibliothek beruht auf ihrem historischen Bestand - ein Bestand der dazu geführt hat, dass sogar diese Kirche nach einer langen Zeit der Zerstörung wieder auferstanden ist. Dies war natürlich die Leistung einzelner Personen, aber ohne historischen Bestand hätten sie es nicht getan.
Zweifellos sind die älteren Bibliotheken wichtige Träger der kulturellen Überlieferung, speziell gilt dies für diese Bibliothek mit einem klaren Profil ihres Bestandes im Bereich des reformierten Protestantismus. In der öffentlichen Diskussion wird für diese Aufgabe neuerdings der Begriff "Kulturelles Gedächtnis" gebraucht. Er soll deutlich machen, dass es Aufgabe von Archiven, Museen und anderen Sammlungen ist, das Bewusstsein über die Vergangenheit wach zu halten und in die Gegenwart hinein zu tragen. Dieser Begriff enthält zugleich den wesentlichen Aspekt, dass es sich bei dieser Aufgabe nicht allein um das passive Bereitstellen der Dokumente handeln darf, sondern um eine aktive Vermittlung. Feststellen muss man, dass dieser Aspekt der Aufgabe der Bibliotheken derzeit einen noch zu geringen Anteil an der konkreten bibliothekarischen Arbeit hat, ganz anders als bei dieser Bibliothek, und dass die Öffentlichkeit auch hier die Bibliotheken nicht so deutlich wahrnimmt, verglichen mit Archiven und Museen. Die kulturelle Überlieferung besteht aber nicht nur in den Unikaten von Archiven und Museen, sondern auch in den gedruckten Werken, die publiziert, verbreitet wurden und gerade deshalb das Bewusstsein früherer Jahrhunderte bestimmten.

In der Vergangenheit wurde für diese Aufgabe vielfach das Bild der Bibliotheken als Schatzkammer verwendet. Dieses Bild trifft sicher insofern zu, als die Bibliotheken vielfach Schätze enthalten. Es trifft aber nicht zu, insofern die Schatzkammer das Bild des Verschlossenen, des Abgeschlossenen enthält. Bibliotheken haben aber stets die Aufgabe, ihre Schätze nicht nur zu besitzen sondern sie auch aktiv zugänglich zu machen.

Bei der Wahrnehmung dieser Aufgaben haben sich in den letzten Jahren deutliche Veränderungen ergeben. So wurde eine intensive Diskussion über den Umgang mit historischen Buchbeständen geführt, was sich u.a. im Handbuch der historischen Buchbestände dokumentiert. Alte Bibliothekskataloge werden vielfach in maschinenlesbare Form konvertiert und die Programme der Digitalisierung von Buchbeständen, insbesondere seitens der DFG, haben erhebliche Verbesserungen gebracht. Die Johannes a Lasco Bibliothek ist dabei an ganz prominenter Stelle zu nennen.

Ganz kurz eingehen möchte ich noch auf zwei Aspekte: Die Verbindung der Bibliothek mit einem Veranstaltungszentrum und die Trägerschaft durch eine Stiftung.

Spezialbibliotheken haben den Vorteil, dass sie ihren Benutzern oft näher sind als die Universalbibliotheken und dass sie sich auf ganz bestimmte Themen konzentrieren können. Davon hat die Johannes a Lasco Bibliothek hervorragend Gebrauch gemacht und man kann Ihnen nur raten, auf diesem Weg weiter zu gehen.

Die Gründung einer Stiftung und die vollkommene Finanzierung aus Eigenmitteln und Drittmitteln ist im Bibliothekswesen sehr selten. Sie ist eine erstaunliche Leistung, die allerdings kein allgemeines Vorbild zur Lösung der Bibliotheksprobleme sein kann. Ihr Modell ist jedoch sehr bedenkenswert für andere Bibliotheken.

Beachtlich ist zweifellos auch, dass in Emden sogar zwei sehr bedeutende Kultureinrichtungen als Stiftung geführt werden. Offensichtlich gibt es in dieser Stadt eine Tradition des bürgerschaftlichen Engagements, zumal auch die Entstehung der Johannes a Lasco Bibliothek sehr stark durch Nachlässe geprägt ist. Es handelt sich von der Entstehung her nicht um eine der Fürstenbibliotheken, sondern um eine bürgerschaftliche Bibliothek. Man kann der Stadt zu dieser Tradition nur herzlich gratulieren.
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    · 09.12.2001 / fas ·    

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